Noten: „The Beato Book 4.0“ von Rick Beato

Rick Beato ist US-amerikanischer Gitarrist und Musikproduzent, der durch knapp 900 Videos auf seinem Youtube-Kanal große internationale Aufmerksamkeit erreicht und damit mehr als 2.500.000 Abonnenten an sich binden konnte. Seit einigen Jahren wird diese Aktivität durch zusätzliche Videos auf Instagram ergänzt. Die Videos behandeln pop- und rockmusikalische Themen aus Gitarristen-, Musiker- oder Produzentenperspektive. Beato erzählt von seinem eigenen Werdegang, Stationen seiner Karriere und teilt seine persönlichen Einschätzungen z.B. zu aktuellen Chartproduktionen. Seine große Reichweite nutzt er dafür seine Publikationen „The Beato Ear Training Programm“ und „The Beato Book 4.0“ zu bewerben, die beide auf seiner Webseite als PDF-Download zu erwerben sind.

Das „Beato Book 4.0“ wird vom Autor als „kreativer Ansatz zu Musiktheorie und Improvisation für Gitarre und andere Instrumente“ beschrieben. Es umfasst 500 Seiten, im Bundle kommt es mit weiteren 300 Seiten Transkriptionen von diversen Videos, die im Laufe der Zeit entstanden sind. Schon am Umfang kann man erkennen: Beato ist kein Autor, der sich kurzfasst und seine Aussagen auf das wesentliche reduziert. Er nimmt sich Zeit und Raum und füllt viele, viele Seiten um seine Sicht auf das Thema umfassend und ausführlich darzulegen.

Die Schrift ist unterteilt in die Hauptkapitel „Theory & Harmony“, „Chord Forms“, „Scales & Arpeggios“, „Linear Studies“, „Technique & Practice“. Die ersten vier Kapitel sind sehr theoretisch und trocken, ein Bezug zur musikalischen Praxis wird an keiner Stelle hergestellt, für kreative Anteile keinerlei Spielraum gelassen. Allein 250 Seiten (!) des PDF-Dokuments sind mit unkommentierten Diagrammen von Akkorden und Skalen jegliche Couleur, in allen Lagen und Spielweisen befüllt, die einen als Leser und/oder Gitarristen buchstäblich erschlagen. Das wirkt nicht wie eine interessante Spielanregung, sondern wie eine physikalische Formelsammlung oder ein schwerer Gesetzestext. Die Informationen sind grundsätzlich nicht falsch, aber vollkommen unpädagogisch, also weder nach Schwierigkeitsgrad, noch nach Nutzwert oder stilistischer Einsatzmöglichkeit aufbereitet. Dass Beato sich immer wieder auch als Lehrer bezeichnet, wirkt angesichts dieser Tatsache mehr als verwunderlich. Eine der ersten Regeln eines guten Lehrers ist, dass man die Lernenden nicht mit inhaltsloser Theorie ohne praktischen Bezug überschüttet, sondern spielerisch heranführt. Hier versagt Beatos Konzept auf ganzer Linie. Die Diagramme sind ein absoluter Spielspaßkiller und als Übegrundlage vollkommen unbrauchbar.

Im Kapitel „Linear Studies“ werden wahllos kurze melodische Passagen vorgestellt, aber es wird wiederum versäumt sie pädagogisch zu sortieren oder aufzuarbeiten. Man hat hier, wie in den ersten Kapiteln, immer wieder den Eindruck, dass einfach nur eine Wagenladung von Material vor einem ausgeschüttet wird. Beato überlässt dem Leser die Arbeit dieses riesige Konvolut zu sortieren und nutzbar zu machen. Ein Großteil der Information dürfte für die meisten Leser im Übrigen ziemlich wertlos sein: Was will ein Lagerfeuergitarrist mit Polychords, bitonalen Arpeggios und Outside Playing? Was will ein Rockgitarrist mit Drop 2, 3, oder 4-Voicings? Für Nicht-Gitarristen ist das Werk aufgrund der Diagramme und Tabulaturen weitestgehend unlesbar und somit vollkommen unbrauchbar.

Die zusätzlichen 300 Seiten Transkription sind keine Abschriften bekannter Werke, sondern allesamt Niederschriften aus Beato-Videos. Oft werden darin sehr spezielle Techniken und ungewöhnliche musikalische Zusammenhänge (Taktarten, Tempi, Stile) behandelt, die vom Schwierigkeitsgrad komplett im oberen Bereich anzusiedeln sind. Es gibt nahezu keine Übungen für Anfänger oder im mittleren Anforderungsbereich. Es sind pädagogisch nicht-aufbereitete Übevideos eines prominenten Gitarren-Nerds, aber zum Nachspiel mühsam und aus pädagogischer Sicht nicht zu empfehlen, weil sich die große Mehrheit daran die Zähne ausbeißt und die Lust am kreativen Spiel verliert.

So sympathisch und erfahren Rick Beato in seinen Videos erscheint, so unsortiert und wirr ist sein Buch, das über 30 Jahre (1990-2020) gesammeltes Material zusammenfasst. Alles nicht falsch, aber eine methodische Katastrophe und sein Geld nicht wert, so deutlich muss man es leider sagen.

Das PDF ist auf www.rickbeato.com erhältlich, hat 500 Seiten und kostet rund 80$, zeitweise ist es mit einem Rabattcoupon auf 28$ reduziert.

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