Rudolstadt Festival 2016 (Fr)

Am vergangenen Wochenende von Do-So fand in Rudolstadt in Thüringen das deutschlandweit größte Roots-Folk-Weltmusik-Festival statt. Aufgrund eigener musikalischer Verpflichtungen konnte ich nur an einen Tag dabei sein und so ging es am Freitagnachmittag mit dem Auto los. Ich hatte die Anfahrt nach einem flüchtigen Blick auf eine Karte als gar nicht so weit eingestuft. Erst nach der Abfahrt merkte ich mittels Navigationsgerät, dass sich die Strecke trotz relativ neuer Autobahn von Würzburg aus doch etwas zog. Ging aber gut durch, ziemlich genau um 18.00 waren wir mitten in der Stadt und fanden auch schnell einen guten Parkplatz. Von dort aus zu Fuß in die Stadt, Tageskarte (32 Euro) gekauft und über die Fußgängerbrücke über die Saale direkt hinein zum Heinepark.

Nach einem flottem und freundlichem Securitycheck ging’s gleich zum Tanzzelt, dem Herzen des feinen Festivals. Es besteht ja in seinen Grundfesten bereits seit den 1950 Jahren, wurde zu Zeiten der DDR mit vorwiegend osteuropäischer Tanz und Musikfolklore abgehalten, nach der Wende im Jahr 1991 inhaltlich neu ausgerichtet und zum weltmusikalischen Tanz- und Folk-Festival (TFF). Seit neuestem heißt es nur noch Rudolstadt-Festival, Tanz- und Tanzworkshops zu Livemusik spielen aber immer noch eine zentrale Rolle. Im Tanzzelt fand auch gerade einer dieser Workshops statt, es gab einen Vortänzer/Moderator, es tanzten viele Paare, dazu spielte die belgische Band EmBRUN, ein sehr schöner und friedlicher Empfang. Weiter ging’s über das Parkgelände zur großen Bühne am anderen Ende, dort spielte die Französin Keren Anne in schlanker Triobesetzung zur eigenen E-Gitarrenbegleitung und sang eigene Lieder und ausgewählte Fremdkompositionen. Sehr angenehmer, nicht zu lauter Sound, Videoprojektionen für die hinteren Reihen, der deutsch-französische Fernsehsender Arte war vor Ort, filmte und streamte live ins Netz (ausgewählte Konzerte sind noch für einige Zeit aus der Webseite abrufbar). IMG_4179Nebenan in der Weinschänke bei den Bauernhäusern gerieten wir eher zufällig in eine Darbietung der Sängerin und Liedermacherin Erna Rot und ihren musikalischen Begleitern. Wirkte alles sehr locker und studentisch, aber musikalisch auf hohem Niveau, anspruchsvolle Lieder, kluge Texte, intelligente Ansagen, eine Entdeckung.
Am unteren Ende des Parks wieder über die Saale zurück Richtung Innenstadt. Wir kämpften uns zum Hauptmarkt, kurzer Snack und von da aus weiter zum Neumarkt. Dort starteten gerade Wildbirds & Peacedrums (SWE), ein Duo aus einer Sängerin und einem Schlagzeuger. Die schwarzgewandete Dame predigte ihre Lieder. Mantraähnliche Textschnipsel und lautmalerische Shouts und Groans gingen fließend ineinander über, dazu tranceartige Drumsgrooves mit manualgesteuerten Samplesounds. Sehr ungewöhnlich, einnehmend und ganz großartig.

Danach zurück zur Grossen Bühne am Markt, dort gab es gerade eine Showeinlage der Grupo de Baile Otrova Boyacá (COL), traditionelle Musik und Tanz aus dem südamerikanischen Land Kolumbien, das in diesem Jahr Themenschwerpunkt ist. Auch immer wieder schön, authentische Folklore von jungen Menschen dargebracht zu bekommen. Musik, Tanz und Gesang gehört außerhalb Mitteleuropas ganz selbstverständlich zur Alltagskultur. Feine Sache, beneidenswert.IMG_4198Dann der Aufstieg zur Heidecksburg, Blick über die im Abendlicht erleuchtete Stadt und kurzer Zwischenstopp auf der Burgterrasse. Dort performten gerade Retrovisor (COL), gegenüber eine Tribüne mit Sitzplätzen, kurz mal hinsetzen und ausruhen mit gutem Blick auf die Bühne. Die Formation besteht aus zwei E-Gitarren, Schlagzeug, DJ und VJane. Livemusik, Liveeinspielungen und Livevideoprojektionen. Interessante Mischung, aber auf die Dauer etwas anstrengend, weil undynamisch, ein Frontalangriff auf alles Sinne, aber das Publikum tanzte, also passte es allemal.IMG_4207Weiter die Treppen hinauf zur großen Bühne auf dem gepflasterten Burgplatz. Als wir kamen, nahmen die Orchestermusiker gerade ihre Plätze auf der Bühne ein. Angekündigt war die Schwedin Lena Willemark und ihr kleines Ensemble bestehend aus Bandoneon und Cello, sie selbst spielt Geige, Bratsche und singt. An diesem Abend wurden sie unterstützt von den Thüringer Symphonikern, dem regionalen Orchester aus Rudolstadt-Saalfeld, einem bescheidenen, aber nichtsdestotrotz engagierten und beeindruckenden Klangkörper.IMG_4214Geboten wurde schwedische Folklore, vorwiegend Hirtenlieder, zum großen Teil mit Gesang und unterlegt mit orchestralen Arrangements. Willemark ist ausgewiesene Expertin für diese ausgetüftelte Mischung aus Volks- und Hochkultur. Sie wuchs auf mit schwedischer Folklore, absolvierte ein Jazzmusikstudium und widmete sich dann voll und umfänglich der Erforschung ihrer musikkulturellen Herkunft. Sie beherrscht seltene schwedische Dialekte und kennt sich aus mit den Feinheiten des Hirtengesangs. Immer wieder überrascht sie Zuhörer und Mitmusiker mit Intonationsfeinheiten, changiert innerhalb einer Melodie scheinbar zwischen Dur- und Moll, singt absichtlich abseits der wohltemperierten Stimmung, jauchzt und schluchzt, springt von Bruststimme ins Falsett und wieder zurück, eine phantastische musikalische Reise, ausdrucksstarke Rhythmik, sehr tanzbar, viele Dreier- und Sechsertakte, es scheinen klanglich immer wieder in Musik gesetzte skandinavische Naturphänomene hindurch. Strenge Winter, heiße Sommer, Licht und Schatten, Mittsommer, ländliches Idyll, Abgeschiedenheit und Melancholie, alles dabei. Insgesamt sehr beeindruckend und hervorragend besetzt mit den Thüringer Symphonikern, die sehr sensibel und ausdrucksstark begleitet haben, sicherlich eine Herausforderung bei einer musikalisch so expressiven und agilen Frontfrau wie es Willemark nun einmal ist.IMG_4223 Angefüllt mit diesen exquisiten Klangeindrücken ging es danach bergab, zurück zur Großen Bühne am Markt, von wo wir bereits von Weitem mit urwüchsigen Klängen gelockt wurden. Es sang, musizierte und tanzte die junge Horde Kesaj Tchave aus der Slowakei, sie brüllten mit krächzigen Stimmen und drehten sich in bunten, wallenden Gewändern. Geballte Lebensfreude und zügelloses Abfeiern vor entfesseltem Publikum. Vielleicht sollte erwähnt werden, dass es zu diesem Zeitpunkt bereits nach Mitternacht war, der offizielle Teil des Kulturprogramms auf der Bühne bereits vorüber war und die zigste Zugabe lief. Folkloristische Ekstase, warum nicht? Es war schön anzusehen, wie die jungen Menschen ihre lebensfrohe Volkskunst auf so großer Bühne ausleben und zelebrieren durften.
Für uns ging es zurück zum Heinepark, dort spielte nach Mitternacht noch Mono & Nikitaman, deutsche Animationspartymucke zum Abtanzen mit leichten Ballermanntendenzen, nicht so ganz unser Fall, aber gerade noch akzeptabel. Wir waren geschafft, ein paar Lieder haben wir angehört, dann haben wir unser Schlafstätte aufgesucht, uns hingelegt und sind schnell eingeschlafen.IMG_4234 Am nächsten Tag ein schnelles Frühstück in Rudolstadt, dann Fahrt zur Talsperre Hohenwarte. Die angedachte Fahrradtour musste entfallen, zu bergig und auch landschaftlich irgendwie zu uninteressant. Ein Blick von der Staumauer über den See reichte schon um das morgendliche Outdoor-Bedürfnis zu befrieden. Fahrt durch den Thüringer Wald, der hier sehr waldig und menschenleer wirkt, fast wie evakuiert, über Sonneberg nach Coburg zurück ins Bayerische. Dort war gerade Samba-Festival, also keine guten Bedingungen um die Eindrücke von Rudolstadt ruhig ausklingen zu lassen. Deswegen Wanderung auf die Veste, Mittagessen ließen wir ausfallen, als in der Gaststätte oben ebenfalls (wenn auch sanfte) Gitarrensambatöne erklangen. Am späten Samstagnachmittag waren wir wieder daheim. Es war ein wunderschöner Ausflug, so wie es war. Bin mir nicht sicher, ob wir einen zweiten oder dritten Tag mit so vielen Eindrücken verkraften hätten können. Nächstes Jahr vielleicht wieder, mal sehen. Im Laufe der Woche evtl. noch ein paar Konzerte auf der Arte-Mediathek nachholen, das reicht dann.

5 Gedanken zu „Rudolstadt Festival 2016 (Fr)

  1. Eindrücklich und genauestens beschrieben!
    Ich kann das Geschilderte eigentlich nur vergleichen mit einer Tour de force, die wir vor etwa 3 Jahren hinlegten: 9+X Museen in gerade mal 4 x 24 h im Ruhrpott. Müde und geschafft waren wir dabei nicht, weil wir das geschickt aufteilten. Zum Ausklang gab es damals ja auch die famose Kunstinsel Hombroich, die eine Mischung aus Landschaftspark und Kunstpavillons darstellt und so die Seele befriedete.

    • @Gerhard: Ja, man muss aufpassen, dass man sich nicht selbst überfordert. Die neuen Eindrücke sollen ja bereichern und nicht belasten.

        • @Gerhard: Ja, da hast du wohl recht. Ich tanze sehr gerne auf zwei (noch besser: drei!) Hochzeiten gleichzeitig. Gibt mit irgendwie einen angenehmen Kick, denn ich habe – wie du vielleicht auch schon inzwischen weißt – ja eine Neigung zum kompletten Bore Out!

          • Dein letzter USA-Trip hatte ja auch etwas Exaltiertes an sich, in der Gestaltung und den auftretenden Problemen. Lässt mich mich an Jason Statham und „Crank“ denken.
            „Die Fülle umarmen“ wäre eine eher sanftere Beschreibung, mit der man die Sucht nach Dichte, Erlebnis und Inhalt beschreiben könnte.

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