Liner Notes: „Still Here“ (2020), Teil 2

Das Album „Still Here“ erscheint weltweit am Freitag, den 20.11.2020 auf allen gängigen Download- & Streamingportalen. Weil es keine gepresste CD und demzufolge auch kein Booklet gibt, hier Einzelheiten zu Besetzung und ein persönlicher Kommentar zu jedem Song, Teil 2.

06. My Granddad
Dennis Schütze: vocals, acoustic guitar, harmonica, piano, bass, Jan Hees: drums

Meinen Großvater väterlicherseits habe ich leider nicht kennengelernt, er starb einige Jahre vor meiner Geburt. Ich kannte nur die anekdotenhaften Geschichten seiner Kinder, meinen Onkeln und Tanten. Geboren 1902 in Flatbush (jetzt New York), USA, kehrte er bereits als Kind mit seiner Familie nach Berlin in das wilhelminische Deutsche Reich zurück und erlebte hier als Jugendlicher und junger Mann Anfang und Ende des ersten Weltkriegs, die Weimarer Republik und die Goldenen Zwanziger Jahre. Er scheint ein lebenslustiger und einfallsreicher Mann gewesen zu sein, der gerne auf Reisen und in Gesellschaft war, er trank und rauchte, spielte Karten, zupfte die Gitarre, konnte gut Geschichten erzählen und faszinierte die Kinder mit Taschenspielertricks und kleinen Zaubereien. Obwohl er am Krieg nicht teilgenommen hat, hat ihn die Kriegs- und Nachkriegszeit gebrochen. Doch während des Krieges gelang es ihm seine gesamte Familie inkl. Eltern, Frau, Ex-Frau und fünf Kindern von Berlin in ein Bergdorf nach Gerlos in Tirol zu evakuieren. Sie überlebten dort in sehr bescheidenen Verhältnissen bis nach dem Krieg und blieben körperlich vollkommen unversehrt. Danach kehrten sie wieder ins ausgebombte Berlin zurück. Das war sein allergrößter Zaubertrick und es ist bis heute unklar, ob ihm das eigentlich bewusst gewesen ist.

07. Everybody Ought to Treat a Stranger Right
Dennis Schütze: vocals, resonator guitar, ebass, Nina Clarissa Frenzel: cello, Jan Hees: drums

Meine Urgroßeltern mütterlicherseits wurden nach Kriegsende aus ihrer Heimatstadt Landsberg an der Warthe (heute Polen) vertrieben und kamen als Flüchtlinge nach Berlin. Meine eigene Mutter wurde 1945 geboren „zu den Straßen Berlins“, so steht es in ihrer Geburtsurkunde, weil sie noch keine feste Bleibe hatten. Wir sollten Fremde und insbesondere Flüchtlinge und Asylsuchende würdevoll und mit offenen Armen empfangen. Flüchten tun wir alle, nur aus unterschiedlichen Gründen und in verschiedene Richtungen. Jeder ist Fremder, fast überall.

08. Count Myself Lucky
Dennis Schütze: vocals, acoustic guitar, piano, bass, Jan Hees: drums

Ein Song über das Abschiednehmen, aber nicht traurig und niedergeschlagen, sondern zuversichtlich und mit einem gesunden Blick nach vorne. Du darfst ein neues Kapitel in deinem Leben aufschlagen? Schätze dich glücklich und schreite voran! Pianospiel inspiriert von Jerry Lee Lewis, dem Lieblingsmusiker meines Vaters. Textliche Grundidee evtl. inspiriert von „Old Shoes“ von Tom Waits, aber nur vielleicht.

09. Mississippi Queen
Dennis Schütze: vocals, resonator guitar, piano, ebass, Jan Hees: drums

Einer der wenigen vollkommen fiktiven Songtexte in meinem Werk. Hatte kurz vorher „Mississippi Lady“ von Jim Croce aufgenommen und anscheinend zu viel Southern Rock von Lynyrd Skynyrd gehört. Dachte wochenlang, dass die Riffs nicht von mir sein können und irgendwie unterbewusst geklaut sind, aber das denken sich AC/DC wahrscheinlich auch bei jedem neuen Album. Die Solo-Gitarre einzuspielen war ein „pain in the butt“, das hätte ich gerne jemand anderem überlassen, aber am Ende klingt’s doch irgendwie ganz passend.

10. Walkin’ Talkin’
Dennis Schütze: vocals, resonator guitar, epiano, ebass, Nina Clarissa Frenzel: cello, Jan Hees: drums

Zuerst rutschte mir das Riff beim Fernsehen und Rumdiddeln in die Finger und ging mir tagelang nicht mehr aus dem Kopf. Also einfach mal durchs Schema laufen lassen und fertig war der Instrumentaltrack, dazu ein paar einfache Reime und einen auskomponierten Soloteil. Manchmal ist es ganz einfach, keine große Inspiration von oben oder sonst woher, sondern einfach solides Handwerk.

11. Silver Mood
Dennis Schütze: resonator & acoustic guitar, organ, ebass, Jan Hees: drums

Zuerst war da der Titel „Silver Mood“, den jemand missverstanden hatte und mich damit konfrontierte. Und wenn man schon mal so einen schönen Titel hat, braucht man auch ein Stück dazu. Eine Akkordstudie in A-Moll über das Bluesschema, dazu kamen dann noch das Intro, ein B- und ein C-Teil. Eingespielt wurde mehrfach, erstmals bereits 2013 bei den Sessions zu „Electric Country Soul“. Das Schlagzeug wurde letztlich modern programmiert von Jan Hees und ab da war es einfach. Thema auf einer silber-glänzenden Resonatorgitarre war klar, lief ohne Probleme, schönes Video und idealer Albumschlusstrack.

all songs by Dennis Schütze, mix & master: Jan Hees
(C) Dennis Schütze (2020)

Ein Gedanke zu „Liner Notes: „Still Here“ (2020), Teil 2

  1. Hallo Dennis.
    Schön zu lesen was dich zu deinen songs inspiriert.
    Die Lebensgeschichten deiner Verwanden sind ganz besonders.
    Danke dass du hier jeden daran teilnehmen lässt.
    Jetzt werde ich die Stücke mit anderen Augen(Ohren) sehen und freue mich auf das Album.

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