Im August 1965 erschien Bob Dylans Album „Highway 61 Revisited“. Es ist ein besonderes Album im Gesamtwerk dieses großen amerikanischen Songschreibers, denn es markiert das Ende der anfänglich stark von akustischen Folktraditionen geprägten Karrierephase und seine – zur damaligen Zeit – als radikal empfundene Hinwendung zu Instrumentierungen, die damals eher dem Pop und Rock zugerechnet wurden (E-Gitarre, E-Bass, Orgel, Drumset). Zusätzlich fielen auch die Songtexte bei „Highway 61 Revisited“ deutlich weniger politisch, sozial- und gesellschaftskritisch aus, wurden stattdessen literarisch, frei-assoziativ, teilweise auch kryptisch-kodiert. Bei öffentlichen Auftritten und Interviews verweigerte sich Dylan, gab seltsame, orakelhafte, oft auch widersprüchliche oder unsinnige Antworten. All das zusammen löste unter seinen Anhängern heftige Kontroversen aus. Freunde und Künstlerkollegen fühlten sich verraten, Sympathisanten der ersten Jahre warfen ihm Illoyalität und Kommerzstreben vor, viele wandten sich gegen ihn, doch erst durch diesen Schritt stieg Dylan zur unangefochtenen, amerikanischen Songwriterikone auf, die er bis heute ist. Weiterlesen
„Asta und Ivo“ von Ludwig Hermann Schütze
Es ist die Geschichte einer kurzen Lebensgemeinschaft, die ich erzählen will. Seit längerem hatten wir ein verwitwetes Kanarienweibchen, Asta genannt, das sich durch sein stilles, freundliches Wesen unsere Zuneigung erwarb. Vor Kurzem gesellten wir ihm einen Zeisig-Jüngling bei, dem ich, in Erinnerung an einen Schulkameraden, den Namen Ivo gab. Die ersten Tage ihres Zusammenseins waren nicht vielversprechend. Asta zeigte eisige Zurückhaltung und wies dem wilden Eindringling ostentativ den Rücken zu, abweisend mit einer Würde, die an Adele Sandrock erinnerte. Danach wurde das Verhältnis besser. Der wilde Ivo, der sich im Käfig wie toll gebärdete, offenbar um Eindruck zu machen, stimmte die würdevolle Asta allmählich um. Nicht nur das, er verdarb sogar bald ihre guten Sitten. Wir ließen häufiger beide frei im Zimmer umherfliegen, wie wir das früher schon mit Asta gemacht hatten. War diese aber sonst nach kurzem Rundflügen stets bald wieder in den Käfig zurückgekehrt, so machte sie es neuerdings wie Ivo, setzte sich lange auf die Gardinenstange und vergaß sich eines Tages soweit, dass sie in der Küche in einem Topf in dem Erbsen für die Suppe aufquellen sollten, ein Vollbad nahm, ein andermal sich sogar auf den Frühstückstisch in der Butter niederließ. Auch waren beide abends oft nicht zu bewegen, in ihren Bauer zurückzukehren. Bisweilen geschah es allerdings, dass Asta dasselbe freiwillig wieder aufsuchte, während Ivo oben auf der Gardinenstange kampierte. Sie ließ es augenscheinlich mit mütterlichem Wohlwollen geschehen, wohl darum, weil sie wusste, dass bei diesen Eskapaden nichts passieren konnte, was ihre Eifersucht geweckt hätte. Vor einigen Tagen aber geschah es, dass Ivo sich in ein Zimmer stahl, in dem das Fenster offen stand und, verlockt durch einen fremden Vogel auf der Fensterbank – oder war es eine alte Bekanntschaft? – und das schöne Frühlingswetter, auf und davonflog. Alle Versuche ihn durch Aufstellen des Bauers auf dem Balkon zur Heimkehr zu bewegen, blieben erfolglos. Und Asta? Zunächst schien sie zu trauern, wurde einsilbig und in sich gekehrt und schien bisweilen wehmütig durchs Fenster nach dem fröhlichen Burschen Aussicht zu halten. Aber das gab sich bald, nach zwei Tagen hatte sie das Gleichgewicht der Seele wiedergewonnen, und ich argwöhne, dass sie so empfindet, wie jene Verlassene in einem Vers, den ich einmal in der Schweiz fand:
„Mein Schatz ist fortgeloffen, ich weiß nicht wohin,
Kein Mensch kann mir glauben, wie froh, dass ich bin!“
Die Gerechtigkeit verlangt indessen, dass wir uns auch in Ivos Gemüt zu versetzen suchen. War es der unwiderstehliche Freiheitsdrang, der ihn zur Flucht trieb, oder war es gar, dass ihm die alternde Witwe mit ihren Avancen auf die Nerven ging? Wir werden es nie erfahren, denn, um ein Wort des Vikars in Halbes Jugend zu variieren: „Wer kann die Geheimnisse einer so armen Vogelseele ergründen?“
Nachschrift: Nun ist auch Asta ausgerückt und hat meine „tiefschürfende“ Psychologie über den Haufen geworfen – „Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme.“
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Ludwig Hermann Schütze (1869-1943) ist mein Urgroßvater väterlicherseits. Er war Kunsthändler und Kunstkritiker, arbeitete viele Jahre für die Photographische Gesellschaft Berlin (davon elf Jahre in New York) und verfasste im Laufe seines Lebens journalistische, literarische und autobiographische Texte.
Buch: „Der letzte Mann, der alles wusste“ von John Glassie
John Glassie ist Journalist, Fotograph und Schriftsteller und lebt in Brooklyn, New York. Viele Jahre hat er Interviews und Artikel über Literatur und Kunst in teilweise renommierten Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht. Hinzu kommt ein Buch mit der Fotoserie ‚Bicycles Locked to poles’ (2005), einige Ausstellungen und etliche Beiträge zu Anthologien. Mit „Der letzte Mann, der letzte alles wusste“ legt er eine umfangreiche, (populär-) wissenschaftliche Publikation in Buchformat vor, die ein sehr spezielles Thema behandelt. Die deutsche Übersetzung des Buches trägt den Untertitel „Das Leben des exzentrischen Genies Athanasius Kircher“ und genau darum geht es, aber auch um ein bisschen mehr. Weiterlesen
12.000 F.B.
Vorgestern wurde auf der Facebookseite der Würzburger Nachrichten-/Medien-Website Wuerzburgerleben freundlicherweise das Musikvideo zum Musikstudententrack “Mercy, Mercy, Mercy” gepostet. Ich hatte es ca. eine Woche zuvor auf Anfrage auf deren Server hochgeladen und zur weiteren Verwendung zur Verfügung gestellt. Innerhalb von gerade mal 24h hat es tatsächlich mehr als 12.000 Klicks generiert und 50 User haben ein „Like“ vergeben. Weil ich kein Facebookmitglied bin, habe ich das aber nur indirekt erfahren, als erstes übrigens von einem jungen Automechaniker, der Mal vor einiger Zeit mein Gitarrenschüler war. Ich hatte am Mo meinen geliebten, roten Saab 900, der auch im Video eine kleine Nebenrolle hat, in die Werkstatt gebracht um einige Dinge an der rechten Vorderachse reparieren zu lassen (Spurstangenkopf, Tripodenstern, ABS-Sensor etc.) und als ich die Karre am Di-Vormittag abholen kam, erzählte er mir begeistert, dass genau mein Saab in einem Video auf Facebook zu sehen sei. Dass er das Auto sofort zuordnen konnte, zur Musik aber kein einziges Wort verlor, erklärt übrigens in aller gebotenen Kürze auch warum er letztendlich und folgerichtig begeisterter Schrauber und eben nicht wie mal vorübergehend angedacht Gitarrist und Musiker geworden ist, das aber nur nebenbei. Seine gutgelaunte Ansage „Das Video hat schon 12.000 Klicks“, konnte ich erst gar nicht glauben und habe mir das Display zeigen lassen müssen. Danach habe ich zur Sicherheit noch ein paar facebookaffine Freunde (Hallo Knud, hallo Jochen!) kontaktiert, um ganz sicher gehen zu können, aber es stimmte. 12.000 Leute, das ist grob überschlagen ein Zehntel der Würzburger Bevölkerung, das ist schon mal eine coole Sache, befand ich und fühlte mich irgendwie auch gleich selbst etwas cooler und wichtiger. Weiterlesen
Kochbuch: „Die am liebsten jeden Tag einfach lecker Veggie Küche“ von Stevan Paul
Einfache, vegetarische Küche ist das Thema des soeben erschienenen Kochbuchs von Stevan Paul. Der Foodblogger und Kochbuchautor präsentiert 100 Rezepte von denen 35 auch veganen Ansprüchen genügen. Unterteilt werden die Kochanleitungen in die vier Kategorien „Der coole Norden“ (Nordeuropa), „Der relaxte Süden“ (Mediterran), „Das heiße Asien“ (China, Thailand, Japan) und „Der würzige Orient“ (Naher Osten, Nordafrika, Indien). Nach einer knappen Einleitung wird das sog. „Veggie Eiweiß 3×1“ vorgestellt (Hülsenfrüchte, Veggie-Fleisch, Michprodukte), insbesondere für vegetarische und vegane Neu-, Quer- und Seiteneinsteiger eine zweckdienliche Grundinformation zum Thema und dann beginnt auch schon der Rezeptteil. Weiterlesen
Fotoserie: Algiers Front Porches, Teil 3
Fotoserie: Algiers Front Porches, Teil 2
Fotoserie: Algiers Front Porches, Teil 1
Während meines Aufenthalts in New Orleans Anfang April bin ich an einem Tag mit einer Fähre über den Mississippi zum historischen Stadtteil Algiers übergesetzt und bin dort durch die Straßen spaziert. Vom alten Algiers habe ich nicht mehr viel gesehen, stattdessen haben mich die hübschen und höchst individuell gestalteten Veranden der Wohnhäuser nachhaltig entzückt. Innerhalb von ca. 20 Min. ist bei meinem Spaziergang die Fotoserie „Algiers Front Porches“ entstanden, die in den folgenden Tagen in drei Teilen präsentiert wird. Hier der erste Teil.





Buch: „Döner Hawaii“ von Marin Trenk
Marin Trenk ist Ethnologe und lehrt an der Universität Frankfurt am Main. Nach etlichen akademischen Texten ist „Döner Hawaii“ seine erste, größere, populärwissenschaftliche Publikation, die sich erkennbar an eine breite Öffentlichkeit richtet. Das Buch trägt den Untertitel „Unser globalisiertes Essen“ und geht der Frage nach, warum wir essen, was wir essen: „Wie, wann und wodurch wurde unsere Art zu essen und zu kochen geprägt.“ Weiterlesen
Musikvideo: Mercy, Mercy, Mercy
Die Musikstudenten sind eine kleine, feine Würzburger Tanz- und Cocktailband und sie sind wirklich eine emsige und produktive Truppe. Alleine in den letzten Jahren haben sie mehrere EPs und Musikvideos veröffentlicht, Anfang des Jahres die EP „Take Five“ und vor wenigen Wochen die EP „Pop Studies“ (beide exklusiv als Download). Nun ist ein Musikvideo zu „Mercy, Mercy, Mercy“ erschienen, ein relaxt groovender Jazzfusionstandard, der sich schon länger im Programm der ewigen Studenten befindet. Der Song stammt aus der Feder des österreichischen Keyboarders Joe Zawinul und wurde durch eine Liveeinspielung des Cannonball Adderley Quintetts weltberühmt (Live at ‚The Club’, 1966).
In ihrem Video zu dieser markanten Songkomposition zeigen die Musikstudenten einen typischen Vorlauf zu einem ihrer Konzerte: Anfahrt, Ankunft, Begrüßung, Sichtung der Bühne, Aufbau der Instrumente, Soundcheck, Umziehen, Spielbeginn, Konzert. Das Video ist gleichzeitig ein freundliches Farewell an den langjährigen musikalischen Begleiter Sven Lehmkämper, der im Video mitwirkt, mittlerweile aber in nördlichere Gefilde verzogen ist. Merci, Chérie, war eine schöne Zeit!
Und ganz nebenbei gelingt den Musikstudenten noch eine kleine Sensation: Der Musikclip „Mercy, Mercy, Mercy“ ist tatsächlich das erste Würzburger JazzMusikVideo (wackelige Konzertmitschnitte mal ausgenommen). Lord, have mercy!
Die Musik für diesen Track wurde produziert von Dennis Schütze, Mix & Master von Jan Hees (5Stroke Studio), Video von Jens-Uwe Otte (Ape Demie Movie). Weitere Videos zu Tracks der beiden aktuellen EPs folgen in den nächsten Monaten.









